Fotografie

Comenius Roethlisberger


„Histories and Abstracts“
Text von Moritz Neumüller, freier Kurator, lebt in Wien und Madrid

Man könnte Comenius Roethlisbergers Serie „Histories and Abstracts“ als bloße Weiterführung seiner Künstlerportraits sehen. In einer früheren Schwarzweiß-Serie hat der junge Schweizer Künstler berühmte Entertainer, Rapper, Rockgruppen und bildende Künstler abgebildet, unter anderem Pippilotti Rist, Ice-T, Sinéad und O’Connor. Die Proberäume von Metallica, die Dunkelkammer von Wolfgang Tillmans oder Björks Kinderzimmer in Reykjavik stehen ebenso stellvertretend für das Leben und Schaffen jener Personen, in deren Privatbereich der Fotograf vorgestoßen ist. Aber es gibt auch andere Wände in dieser Serie, etwa diejenigen, die auf die Strukturen des Kunstbetriebes anspielen; zum Beispiel Tate Gallery, Conference Room oder Saatchi Gallery, Wall behind Damien Hirst’s Bronze Fiqure. 

Die vielleicht am interessantesten – weil konnotationsreichsten – Wände sind allerdings jene, die aus gesellschaftlichen Un-Räumen stammen, Pornokinos etwa, oder Gefängniszellen. Auf den ersten (und manchmal auch den zweiten) Blick sind diese subversiven Bilder nicht von den ‚harmloseren’ Innenaufnahmen zu unterscheiden, wie jenen aus dem Elefantenhaus im Basler Zoo. Aus den verschiedenen Titeln ergeben sich jedoch vollkommen unterschiedliche Gefühlslandschaften, die mit den Geschichten des jeweiligen Ortes verbunden sind und sich dem Betrachter der lebensgroßen Farbfotografien erschließen.

Das Bild, das dem Titel der Serie möglicherweise am besten gerecht wird, ist die Aufnahme der leeren Wand in der Beyeler Foundation in Basel, an der normalerweise Monets Seerosenbilder hängen. In einem mittlerweile legendären Artikel über Jackson Pollock aus dem Jahre 1967 zieht der Kritiker William Rubin die dreiteilige Arbeit Monets für einen Vergleich heran und kommt dabei zum Schluß, daß in ihr ein Paradigmenwandel in der Malerei stattgefunden habe: Nicht mehr als Fenster zur Welt, sondern als Wände seien diese Gemälde zu lesen. Ob der Künstler in diese Geschichte der Abstraktion eingeweiht ist, sei dahingestellt. Vielleicht ging es ihm hauptsächlich um das Verhältnis von Bild und Titel (Das Wandschild der Seerosen klebt immer noch an seiner ursprünglichen Stelle), die Erhabenheit der Originals oder um die unsichtbare Präsenz des Werkes an seinem angestammten Ort. Fest steht jedoch, daß sich auch im Werk des jungen Fotografen in Paradigmenwechsel eingestellt hat, insofern daß sich seine neuen Arbeiten von den früheren Serien ebenso unterscheiden wie von den Werkserien Candida Höfers, Thomas Ruft und anderer Vertreter der Düsseldorfer Schule.